Nachdem ihr nun gestern etwas über das Verhalten von Ladungsträgern erfahren habt, erzähle ich euch heute, wo man Ladungsträger im Allgemeinen findet.
Um überhaupt einen Stromfluss möglich zu machen, müssen die Ladungsträger frei beweglich sein. Das ist aber nicht in jedem Stoff der Fall. Die Materialien, die freie Ladungsträger enthalten, sind elektrische Leiter.
Am bekanntesten sind natürlich Metalle. Wenn sich Metallatome zusammenschließen, bilden sie ein Kristallgitter. Dabei sind die positiv geladenen Atomkerne in regelmäßigen Abständen angeordnet. Um sie herum befinden sich die Elektronen in den unteren Schalen der Atomhülle.
Die höheren Schalen der einzelnen Atomhüllen überlappen sich dabei. Dadurch lassen sich die Elektronen auf ihnen keinem bestimmten Kern mehr zuordnen. Sie lösen sich von ihrem angestammten Atomkern und verteilen sich als „Elektronenwolke“ im Kristallgitter.
Man spricht in diesem Zusammenhang von Valenz- und Leitungsbändern. Das sind Energieniveaus, in denen sich Elektronen befinden können.
Wenn ein Elektron an einen Atomkern gebunden ist, befindet es sich im Valenzband.
Löst sich das Elektron vom Kern, wechselt es ins Leitungsband. Es ist dann ein frei beweglicher Ladungsträger.

Genau das passiert also im Metall: Es befinden sich ziemlich viele Elektronen im Leitungsband, weshalb Metalle den elektrischen Strom ausgezeichnet leiten.
In ionisierten Gasen passiert etwas Ähnliches. Wird ein Gas hoch erhitzt, bestrahlt oder mit Teilchen beschossen, sammeln die Elektronen in der äußeren Hülle der Atome genug Energie, um vom Valenzband ins Leitungsband zu wechseln, sprich, sich von ihrem Atomkern zu lösen.
Da die positiv geladenen Ionen selbst frei beweglich sind (ein Gas ist ja kein festes Gitter), haben wir hier sogar zwei verschiedene Arten von freien Ladungsträgern – die einzelnen Elektronen und die Ionen.
Ionisierte Gase als Leiter findet man zum Beispiel in Leuchtstoffröhren oder Lichtbögen. Zu diesen Dingen schreibe ich später noch mehr.
In elektrolytischen Lösungen, also Säuren, Basen, Salzlösungen, gibt es auch Ionen. Sowohl negative (die zusätzliche Elektronen aufgenommen haben), als auch positive (die Elektronen abgegeben haben). Deshalb ist Salzwasser auch ein guter elektrischer Leiter und chemisch gereinigtes Wasser ein schlechter.
Bei Isolatoren sind alle Elektronen gebunden. Daher ist kein Stromfluss möglich.
Die Energie, die nötig wäre, Elektronen aus der Atomhülle zu reißen und ins Leitungsband zu befördern, ist ziemlich hoch.
Bei Halbleitern ist die Energiedifferenz zwischen Valenz- und Leitungsband geringer.
Deshalb passiert es, das in einem Halbleiter einige Elektronen ins Leitungsband wechseln und er leitend wird, allerdings in weit geringerem Maße als ein Leiter. Wird er erhitzt oder bestrahlt, wechseln mehr Elektronen ins Leitungsband und die Leitfähigkeit verbessert sich.
Durch Dotieren kann man die Leitfähigkeit von vornherein erhöhen.
Halbleiter sind ja Elemente der vierten Hauptgruppe im Periodensystem. Das heißt, sie haben auf der äußersten Elektronenschale 4 Elektronen.
Jedes Elektron verbindet sich mit einem Elektron eines anderen Atoms zu einem Paar. So ist jedes Atom mit vier weiteren verbunden.
Bringt man jetzt Atome der dritten oder fünften Hauptgruppe ein, ist entweder ein Elektron zu wenig oder zu viel.
Die Fremdatome sind im Ganzen elektrisch neutral, da sie ja in ihrem Kern genausoviele Protonen haben wie Elektronen in der Hülle.
Aber betrachtet man das Kristallgitter, findet man nun entweder ein Elektron vor, das keinen Partner hat und sich frei bewegen kann, oder man findet ein Loch.

Bei Halbleitern haben wir es also mit einer exotischen Art der Ladungsträger zu tun, nämlich den Löchern.
Nun tragen Löcher eigentlich keine Ladung, aber da sie die Abwesendheit von negativen Ladungen darstellen, verhalten sie sich wie positive Ladungen. Das heißt, sie wandern zum Minuspol.
Betrachtet man den Vorgang genauer, stellt man fest, dass im Grunde nur die Elektronen vom Minuspol durch die Löcher hindurch zum Pluspol wandern und dabei hinter sich die Löcher wieder zurücklassen.

Wenn nun an einem Leiter oder Halbleiter eine Spannung anliegt, also ein Pluspol an der einen Seite und ein Minuspol an der anderen Seite, so wandern die negativen Ladungsträger (Elektronen oder Ionen) aus dem Material zum Pluspol und die positiven (Ionen oder Löcher) zum Minuspol.
Dabei sind die Prozesse im Detail verschieden.
Bei Ionenleitung, z.B. in Elektrolyten, geschehen auf atomarer Ebene andere Dinge als bei der herkömmlichen Elektronenleitung. Erreicht ein positives Ion den Minuspol, nimmt es von dort Elektronen auf und wird wieder ein normales Atom. Gleichermaßen gibt ein negatives Ion seine überschüssigen Elektronen ab, sobald es den Pluspol erreicht, und wird wieder ein Atom. Diese Atome lagern sich oftmals an den Polen – auch Elektroden genannt – ab.
Bei der Elektronenleitung werden die Elektronen, die das Material verlassen, sofort von Elektronen aus dem Minuspol ersetzt. So kommt es zu einem kontinuierlichen Stromfluss. Das Material selbst ändert sich anders als bei der Ionenleitung nicht.



